Das ist in der Tat die Frage. Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich wappnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden.

Tja, ich kann es halt nicht verleugnen, dass ich mal Literaturwissenschaft studiert habe. wink Das ist Shakespeare, Hamlet, und eigentlich beginnt der Monolog mit Sein oder Nichtsein.

Die Wiegefrage kann sich jedoch genauso zu einer Existenzfrage auswachsen wie diejenige von Hamlet, denn die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks – das sind die Zahlen auf der Waage, denen man sich jeden Tag aussetzt, wenn man sich wiegt.

Hamlet lässt sich stundenlang darüber aus, ob es in Anbetracht der Umstände besser ist zu leben oder zu sterben. So weit müssen wir natürlich nicht gehen. Für uns geht es nicht um Leben oder Tod, sondern nur ums Wiegen.

Nur.

Das ist eben das Problem.

Sich jeden Tag zu wiegen – oft sogar mehrmals – ist für viele Abnehmwillige schon zu einer regelrechten Sucht geworden. Die meisten Diäten schreiben das ja auch vor. Da wird empfohlen – oder sogar befohlen – sich jeden Tag zu wiegen, immer zur selben Zeit, an derselben Stelle, am besten nackt, damit kein Gramm Kleidung das Ergebnis beeinträchtigt.

Als ob das Ergebnis einer normalen Badezimmerwaage so genau wäre ...

Wie dem auch immer sei – den meisten Menschen, die Wiegen für unabdingbar halten, scheint es noch nicht aufgefallen zu sein, dass natürlich Schlanke oft gar keine Waage besitzen. Die Frage ist also nicht: Wiege ich mich täglich oder vielleicht nur einmal in der Woche, sondern: Wiege ich mich überhaupt?

Wenn wir einmal wieder unsere unablässig ums Überleben kämpfenden Vorfahren bemühen: Was hätten sie dazu gesagt?

Sie hätten natürlich genauso darüber gelacht wie über die Idee, überhaupt abnehmen zu wollen, denn Kleidergrößen waren für sie kein Maßstab. Sie hatten keine. Und dass man zu- oder abnimmt ... das sieht man doch.

Das gilt auch heute noch. Man sieht es, wenn man von Kleidergröße 50 auf Kleidergröße 38 abnimmt. Und für die sowieso Schlanken, die nur von Kleidergröße 40 auf 38 oder 36 abnehmen wollen, gilt dasselbe. Sie passen wieder in ihre alte Lieblingsjeans, nachdem sie ein paar Kilo verloren haben. Dafür braucht man keine Waage. Wozu also überhaupt wiegen?

Wenn man sich gegen diese See von Plagen wappnen will, die deprimierenden Zahlen, die nicht immer nur nach unten gehen, sollte man durch Widerstand sie enden. Widerstand gegen das Gebot, sich unbedingt wiegen zu müssen, wenn man abnehmen will.

Schon als ich die ersten Tage mit natürlich schlank hinter mich gebracht hatte, merkte ich, wie meine Hosen lockerer wurden. Und je länger ich nur nach meinem Hungergefühl aß und bei Erreichen des Sattgefühls aufhörte, desto lockerer wurden sie.

Ich hatte mich am letzten Tag vorher gewogen und wusste, wo ich startete. Auch hatte ich eine sogenannte „Diätanalyse“ auf einem Onlineportal gemacht, die mir das erschreckende Resultat mitteilte, ich hätte 60 (in Worten: sechzig) Kilo abzunehmen.

Das bedeutete, ich musste mich halbieren. Ich bin nicht groß, und das zu erreichende Gewicht war die Hälfte meines Startgewichts. Oder das Gewicht meiner Frau, die ebenso groß ist wie ich.

Wenn man erst einmal abgenommen hat, kann man sich nicht mehr vorstellen, wie man all dieses Gewicht die ganze Zeit mit sich herumschleppen konnte. Ich müsste jetzt meine Frau auf den Rücken nehmen und stets mit mir tragen. Nicht dass ich etwas dagegen hätte, meiner Frau ständig so nah zu sein wink, aber es ist unvorstellbar, dass das mein tägliches Los war.

Das Los meiner Knie, meiner Füße und von allen Knochen, Sehnen und Muskeln, die mich tragen mussten. Kein Wunder, dass ich schon mehrere Bandscheibenvorfälle gehabt hatte und meine Knie ächzten und schmerzten. Auch die Einlagen in meinen Schuhen konnten meine Füße nicht davor bewahren, immer platter zu werden.

Aber nun hatte ich mich ja dafür entschieden, auch diese See der Plagen zu beenden und mit natürlich schlank abzunehmen.

In dem Buch von Paul McKenna wird empfohlen, sich die ersten vierzehn Tage gar nicht zu wiegen, denn es gibt Leute, die mit natürlich schlank erst einmal zunehmen. Es ist ja alles erlaubt, und manche Diätgequälte, die sich bislang alles, was lecker ist, verboten haben oder es nur mit einem schlechten Gewissen aßen, setzen sich dann vor den Kühlschrank und machen ihn erst mal leer.

Glücklicherweise ging es mir nicht so, aber ich kann verstehen, dass Menschen, die sehr viele Diäten hinter sich haben und für die das Leben bislang hauptsächlich aus Verzicht auf Schokolade, Pommes, Pizza oder Sahnetorte bestand, dann schlagartig ihre Gelüste ausleben, wenn es nicht mehr verboten ist, sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen. Dadurch nimmt man unweigerlich zu, und sich dann auf die Waage zu stellen wäre kontraproduktiv.

So schmolz ich also die ersten vierzehn Tage glücklich vor mich hin und kümmerte mich nicht um Zahlen. Jedoch auch danach hatte ich kein Bedürfnis, mich zu wiegen, denn ich konnte mit einem Blick in den Spiegel feststellen, dass ich abgenommen hatte. Die Fettabsätze auf meinen Hüften, auf denen ich immer so gern meine Hände aufgestützt hatte, waren schon bald verschwunden, und meine Hände rutschten ab. Das war ein sehr komisches Gefühl, denn genauso wie Captain Janeway cool stütze ich oft meine Hände in die Hüften.

Erst drei Monate später war ich neugierig, als ich endlich wieder in eine Hose passte, die ich davor schon lange nicht mehr hatte tragen können, und wog mich. Zu meinem Erstaunen hatte ich da schon an die fünfzehn Kilo abgenommen.

So ging es dann weiter. Ich wog mich alle paar Monate mal, und die Zahlen waren natürlich immer erfreulich, denn so vermeidet man es, von täglichen Schwankungen frustriert und deprimiert zu werden.

Mein wichtigstes Messinstrument war und blieb aber der Spiegel und meine immer lockerer werdende Kleidung. Die Waage hat keine Bedeutung mehr für mich, und ich überlege, ob ich sie nicht im Müll entsorge. Wozu brauche ich sie schließlich noch?

 

 

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